Das Leben ist gnädig;

jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang.

Jede Sekunde drängt uns die Frage auf: Wer bin ich? - Wir stellen sie nicht; das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden.

Ein Jahrtausend und länger noch haben die Menschen gelernt, das Gesetz der Natur zu durchschauen und sie sich dienstbar zu machen. Wohl denen, die den Sinn dieser Arbeit erfaßt und begriffen haben, daß das Gesetz des Innern dasselbe wie das des Äußern ist, nur um eine Oktave höher: Sie sind zur Ernte berufen, - die andern bleiben ackernde Knechte, das Antlitz zur Erde gebeugt.

Der Schlüssel zur Macht über die innere Natur ist verrostet seit der Sintflut. Er heißt: - Wachsein. Wachsein ist alles.

Von nichts ist der Mensch so fest überzeugt, wie davon, daß er wach sei; dennoch ist er in Wirklichkeit in einem Netz gefangen, das er sich selbst aus Schlaf und Traum gewebt hat. Je dichter dieses Netz, desto mächtiger herrscht der Schlaf; die darein verstrickt sind, das sind die Schlafenden, die durchs Leben gehen wie Herdenvieh zur Schlachtbank, stumpf, gleichgültig und gedankenlos. Die Träumenden unter ihnen sehen durch die Maschen eine vergitterte Welt, - sie erblicken nur irreführende Ausschnitte, richten ihr Handeln darnach ein und wissen nicht, daß diese Bilder bloß sinnloses Stückwerk eines gewaltigen Ganzen sind. Diese »Träumer« sind nicht, wie du vielleicht glaubst, die Phantasten und Dichter - es sind die Regsamen, die Fleißigen, Ruhelosen der Erde, die vom Wahn des Tun's zerfressenen; sie gleichen emsigen, häßlichen Käfern, die ein glattes Rohr emporklimmen, um von oben - hineinzufallen. Sie wähnen wach zu sein, aber das, was sie zu erleben glauben, ist in Wahrheit nur Traum, - genau vorausbestimmt im kleinsten Punkt und unbeeinflußbar von ihrem Willen.

Wachsein ist alles.

Sei wach bei allem, was du tust!

Glaub nicht, daß du's schon bist.

Nein, du schläfst und träumst. Stell dich fest hin, raff dich zusammen und zwing dich einen einzigen Augenblick nur zu dem körperdurchrieselnden Gefühl: »Jetzt bin ich wach!« Gelingt es dir, das zu empfinden, so erkennst du auch zugleich, daß der Zustand, in dem du dich soeben noch befunden hast, dagegen wie Betäubung und Schlaftrunkenheit erscheint.

Das ist der erste zögernde Schritt zu einer langen, langen Wanderung von Knechttum zur Allmacht. Auf diese Art geh vorwärts von Aufwachen zu Aufwachen. Es gibt keinen quälenden Gedanken, den du damit nicht bannen könntest; er bleibt zurück und kann nicht mehr zu dir empor; du reckst dich über ihn, so wie die Krone eines Baumes über die dürren Äste hinauswächst. Die Schmerzen fallen von dir ab wie welkes Laub, wenn du einmal so weit bist, daß jenes Wachsein auch deinen Körper ergreift.

Die eiskalten Tauchbäder der Juden und Brahmanen, die Nachtwachen der Jünger Buddha's und der christlichen Asketen, die Foltern der indischen Fakire, um nicht einzuschlafen, - sie alle sind nichts anderes als erstarrte äußerliche Riten, die wie Säulentrümmer dem Suchenden verraten: Hier hat in grauer Vorzeit ein geheimnisvoller Tempel des Erwachenwollens gestanden.

Auf dem Wege zum Erwachen wird der erste Feind, der sich dir entgegenstellt, dein eigener Körper sein. Bis zum ersten Hahnenschrei wird er mit dir kämpfen; erblickst du aber den Tag des ewigen Wachseins, der dich fernrückt von den Nachtwandlern, die da glauben, sie seien Menschen, und nicht wissen, daß die schlafende Götter sind, dann verschwindet für dich auch der Schlaf des Körpers und das Weltall ist dir untertan.

Die Sehnsucht der Sterblichen, die Gestalten der Überirdischen zu schauen, ist ein Schrei, der auch die Phantome der Unterwelt weckt, weil eine solche Sehnsucht nicht rein ist - weil sie Habgier ist statt Sehnsucht, weil sie »nehmen« ist in irgendeiner Form, statt zu schreien, um das »geben« zu lernen.  Es ist heilsamer, aus eigenem Entschluß eine bittere Frucht zu pflücken, als auf fremden Rat eine süße auf dem Baume - hängen zu sehen.

                                                                                               
                                                                                                           
 Quelle G. Meyrinck


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