Liebe –

der Schlüssel zur Einheit der Menschheit

 

Die Hauptursache aller Schwierigkeiten des Menschen liegt darin, dass er seine spirituelle Wirklichkeit vergisst und sich mit seinem Körper identifiziert. Der Körper ist nur das Gewand des innewohnenden Geistes. Wenn der Mensch im Körperbewusstsein aufgeht, entwickelt er Egoismus und Besitzstreben, was in der Folge viele schlechte Eigenschaften hervorbringt. Er vergisst, dass Gott in ihm wohnt, und missbraucht die Sinne und Organe, die ihm zu göttlichen Zwecken gegeben worden sind.

Zwei unterschiedliche Eigenschaften finden sich bei den Menschen. Eine relativ häufige Eigenschaft ist die Selbsttäuschung, man sei ein guter Mensch mit vielen Tugenden, Begabungen und großer Intelligenz. Die andere Bereitschaft, die selten vorkommt, ist die Anerkennung guter Eigenschaften in anderen, ihrer Verdienste, Fähigkeiten und guten Taten, und die Achtung ihrer Ideale. Jesus gehörte zu der zweiten Kategorie. Er sah die guten Eigenschaften in anderen, freute sich über ihre Tugenden und teilte seine Freude mit anderen.

Als Jesus zwölf Jahre alt war, ging er mit seinen Eltern, Joseph und Maria, zu einem jüdischen Fest in Jerusalem. Im Gedränge der Menschen wurde Jesus von seinen Eltern getrennt. Nachdem Maria ihn verzweifelt gesucht hatte, fand sie ihn in einem Tempel, wo er eine Ansprache eines Hohepriesters anhörte.

Als Maria Jesus sagte, welche Angst sie nach seinem Verschwinden um ihn ausgestanden hätten, sagte er: „Warum macht ihr euch meinetwegen Sorgen? Warum habt ihr Angst um mich, wenn ich doch bei Gott, meinem Vater, bin?“ Auf diese Weise offenbarte Jesus, dass er sich als Sohn Gottes betrachtete.

 

Jesus betete zu Gott um drei Dinge

Jesus lebte in Nazareth auf, bis er 30 Jahre war. Nach Josephs Tod bat er seine Mutter um die Erlaubnis, sich seiner göttlichen Mission zuwenden zu dürfen.

Er wurde von Johannes, dem Täufer, getauft und verbrachte vierzig Tage in einem Wald. Während dieser Zeit betete er zu Gott um drei Dinge:

1. Er möge ihn mit der Fähigkeit segnen, alle Menschen gleichermaßen lieben zu können.
2. Er möge ihm die Kraft und Duldsamkeit schenken, alle Beleidigung oder
Verfolgung geduldig ertragen zu können, der er ausgesetzt sein könnte.
3. Er
möge ihn befähigen, den Körper, den er von ihm erhalten habe, ganz in den Dienst Gottes zu stellen.

Nach vierzig Tagen Buße erschien Jesus wieder, voller Überzeugung, dass seine Gebete erhört worden waren. Jesus begegnete den Fischern in Galiläa, die seine ersten Jünger wurden. Er sagte ihnen, dass er gekommen sei, das Königreich der Liebe auf der Erde zu errichten, und dass sie ihm bei seiner Mission helfen würden. Er sprach zu ihnen über die Kostbarkeit des menschlichen Lebens und forderte sie auf, das Königreich Gottes in ihrem Inneren zu entdecken.

Um das, was er sagte, zu veranschaulichen, erzählte Christus ihnen das folgende Gleichnis: Das Wasser in einem Fluss hat eine schnelle Strömung. Aber selbst die winzigen Fische können darin schwimmen und sich vergnügt darin tummeln. Im selben Fluss kann ein riesiger Elefant, der in die Stromschnellen gerät, trotz seiner enormen Größe weggeschwemmt werden oder ertrinken.

Trotz der Strömungsgeschwindigkeit können die kleinen Fische frei und vergnügt im Fluss schwimmen. Aber ein Elefant kann nicht darin überleben. Der Grund: Was man in einem Fluss braucht, um zu überleben, ist nicht Masse, sondern die Fähigkeit zu schwimmen. Ebenso braucht der Mensch, der sich im Meer weltlicher Existenz (samsâra) verfängt, nicht so sehr Metaphysik, Gelehrsamkeit oder Nicht-Anhaftung wie die Gnade göttlicher Liebe.

 

Ohne Vertrauen zu Gott kann man Glückseligkeit nicht erfahren

Wenn man mit Gottes Liebe gesegnet ist, kann man, ohne den Vedanta zu kennen, alle Probleme des Lebens bewältigen. Ohne Glauben an Gott sind Bildung, Reichtum, Ansehen und Ruhm nutzlos. Man kann keine Glückseligkeit erfahren.

Christus lehrte auch, dass der Körper genutzt werden sollte, um den darin wohnenden Geist zu erkennen, und nicht, um sich selber zu schützen. Es ist ein Zeichen von Unwissenheit, wenn man den Körper verwöhnt und den Geist im Inneren ignoriert.

Wenn ein winziges Körnchen Zucker unter eine Menge Sand gemischt wird, wird sogar der intelligenteste Mensch den Zucker vom Sand nicht trennen und herausfischen können. Aber eine Ameise wird das Körnchen Zucker auch ohne besondere Intelligenz im Sandhaufen finden und sich an seiner Süße gütlich tun. Die Ameise kennt die Süße des Zuckers und kann sogar in einem Sandhaufen den Zucker aufspüren. Ebenso sollte der Mensch versuchen, zwischen dem Dauerhaften und dem Vergänglichen zu unterscheiden und zu erkennen, was ewig ist. Der Mensch hat die Fähigkeit, zwischen dem, was bleibt, und dem, was vergänglich ist, zu unterscheiden, aber leider verfängt er sich – statt diese Fähigkeit zu gebrauchen – in den Täuschungen der Welt der Erscheinungen und vergeudet sein Leben.

„Ihr müsst an der Wahrheit festhalten und auch nicht der Falschheit oder dem Laster verfallen. Ihr müsst den Schwierigkeiten des Lebens mutig die Stirn bieten. Ihr müsst selbst eure Feinde lieben. Universale Liebe übersteigt alle Tugenden. Liebe ist die höchste Tugend“, sagte Jesus.

 

Nur Liebe zu Gott ist wahre Liebe

Jesus lehrte, dass Gott Liebe ist. Statt diese grundlegende Wahrheit zu erkennen, lassen die Menschen zu, dass Hass, Neid und andere schlechte Eigenschaften ihre Liebe verunreinigen. Der Mensch hat die Fähigkeit zu lieben erhalten, nicht um sie für selbstsüchtige Zwecke einzusetzen, sondern um sie auf Gott zu richten. Jesus sagte, dass es nichts Besonderes sei, Gutes mit Gutem zu vergelten. Man sollte sogar denen Gutes tun, die einem Schaden zufügen.

Als Jesus als Prediger große Menschenmassen anzog, wurden einige der Priester und Machthaber neidisch auf seine Popularität. Das geschieht in allen Ländern. Man fing an, ihn zu verfolgen und wegen Landesverrats anzuklagen.

Jesus setzte jedoch seine Mission der Liebe und Rechtschaffenheit bis zum Ende fort, zuerst als Bote Gottes und später als Sohn Gottes. Wer als Mensch geboren wird, hat einen Grund dafür. Dies ist vielleicht nicht allen bekannt.

Nur Gott kennt den wahren Zweck. Jeder sollte sich als Bote Gottes betrachten und versuchen, ein ideales Leben zu führen. Das heißt, man muss Selbstsucht und Eigeninteresse aufgeben. Das ist vielleicht nicht leicht. Aber mit Gottes Gnade sollte es möglich sein, in Richtung Selbstverwirklichung fortzuschreiten.

Liebe ist der Weg, Hingabe zu entwickeln und Befreiung zu erlangen und vieles mehr. Nur Liebe zu Gott ist wirkliche Liebe. Der Königsweg für den Menschen besteht darin, die Göttlichkeit in sich und in allen zu erkennen.

 

Die Liebe Sais vereinigt alle aus verschiedenen Ländern

Hier ist ein Beispiel für die Macht der Liebe. Heute haben sich in dieser Halle Menschen aus vielen Ländern versammelt. Sie sprechen verschiedene Sprachen, gehören verschiedenen Religionen und Kulturen an und ihre Kleidung, ihre Sitten und ihr Verhalten unterscheiden sich voneinander. Sie vergessen alle

diese Unterschiede und gehen wie Brüder und Schwestern miteinander um, weil ihre Liebe zu Sai sie vereint hat. Sie drücken die Freude der Einheit aus, weil ihr Herz voller Liebe ist. Wo es keine Liebe gibt, entsteht Hass. Der Glaube an Gott bringt Liebe hervor. Liebe führt zu Frieden. Frieden macht den Weg für die Wahrheit frei. Wer die Wahrheit zur Grundlage seines Lebens macht, erfährt Glückseligkeit.

Wo Glaube ist, ist Liebe.
Wo Liebe ist, ist Frieden.
Wo Frieden ist, ist Wahrheit,
Wo Wahrheit ist, ist Glückseligkeit,
Wo Glückseligkeit ist, ist Gott.
Deshalb muss der Glaube gestärkt werden.

 

Viele Formen, aber ein Gott

Das Göttliche manifestiert sich in vielen Formen. Gott wird in vielen Formen verehrt, weil es viel Freude macht. Im alten Rom wurden wie in Indien (bhârat) viele Götter verehrt. Damals glaubte man nicht an einen Gott. Dann kam das Christentum. Das Konzept der Einheit in der Vielfalt wurde schließlich akzeptiert.

Im alten Griechenland war Plato, der Schüler von Sokrates, der erste, der auf die Immanenz Gottes in allen Formen des Universums hinwies. Es gibt nur eine Wahrheit, unabhängig von Nation oder Religion. Die Wahrheit oder Gott verändern sich nicht mit wechselnden Orten oder Umständen.

Deshalb heißt es: Wahrheit ist Gott. Diese Wahrheit ist in uns. Der Vedanta bezeichnet sie als Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit (sat-cit-ânanda). Die Namen und Formen der Menschen mögen verschieden sein, aber das Höchste in ihnen – Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit – unterscheidet sich nicht. Es ist ewig und unveränderlich.

 

Verkörperungen göttlicher Liebe!

Reißt die Mauern nieder, die den Menschen vom Menschen trennen. Macht keine Unterschiede hinsichtlich Kaste und Glaubensrichtung. Entwickelt einen starken Glauben an die Einheit der Menschheit. Lasst Liebe in eurem Herzen wachsen. Nur dann wird die Nation einig, erfolgreich und glücklich sein.

Betrachtet einmal die Situation in Bethlehem, dem Geburtsort Jesu. Wegen der feindseligen Gefühle der Menschen zueinander konnte dort Weihnachten dieses Jahr nicht gefeiert werden. Wie bedauerlich, dass die Geburt Christi im Geburtsort Jesu nicht gefeiert werden kann, während die übrige Welt Weihnachten feiert.

Gott gehört allen. Er ist universal. Ihr alle dürft keinerlei Unterschiede machen und müsst engstirnige konfessionelle und nationale Bindungen aufgeben. Betrachtet euch als Kinder eines Gottes. Ihr könnt Gott in der Form verehren, die euch zusagt, aber erkennt die Wahrheit, dass es nur einen Gott gibt. Feiertage wie Weihnachten geben euch Gelegenheit zu erkennen, wie wichtig Liebe und Harmonie unter den Menschen sind.

Es ist nicht richtig, den Geburtstag Christi mit üppigem Essen, Trinken, Singen und Trubel zu feiern. Die Ideale, die Jesus lehrte, sollten in die Tat umgesetzt werden. So feiert man seinen Geburtstag richtig. Wen ihr auch immer anbetet, ihr solltet versuchen, seine Lehren zu befolgen. Was für eine Art Hingabe ist es, wenn der Gottsucher seinen Glauben nicht in die Tat umsetzt?. Das ist Pseudo-Hingabe.

Denkt voller Liebe an den Herrn. Verehrt ihn mit Liebe. Heiligt euer Leben durch Liebe.

Weihnachtsansprache in der Pûrnachandra-Hall
Prashânti Nilayam, den 25.12.1988