Der Weg, den Jesus zeigt

Es gibt vier Arten von Menschen: Die einen sehen überall nur das Gute; die anderen, die spirituell auf einer niedrigeren Stufe stehen, sehen das Gute als gut und das Böse als ein Übel. Die dritte Gruppe schließt die Augen vor dem Guten und sieht nur das Schlechte. Die Schlimmsten aber sind jene, die auch im Guten noch das Schlechte sehen. Niemand bringt Reichtümer mit sich, wenn er geboren wird, noch kann er sie mitnehmen, wenn er stirbt. Erworbener Wohlstand muß freigebig mit anderen geteilt werden. Blumen verbreiten ihren Duft, Bäume bieten ihre Früchte im Überfluß an. Anstatt von der Natur zu lernen, sucht der Mensch, das Verlangen der Sinne, seine Sucht nach Ruhm und seinen Wunsch, Macht über andere auszuüben, zu befriedigen. Zufriedenheit ist der wertvollste Besitz, Habgier bringt Unglück. Nur durch Genügsamkeit kann der Mensch das Ziel des Lebens, nämlich die Verwirklichung seiner Göttlichkeit, erreichen.

Ein mitfühlendes Herz ist wertvoller als jeder materielle Besitz. Durch moralische und spirituelle Vollkommenheit wird das Göttliche im Menschen offenbar.

Vishvâmitra war ein mächtiger König, stolz auf seine Macht und sein großes Reich. Er wollte den Weisen Vasishtha übertreffen, hatte aber keinen Erfolg. Er mußte lernen, daß materielle, körperliche oder geistige Kräfte nicht in der Lage sind, die göttlichen Kräfte zu überwinden. So unterzog er sich spiritueller Übungen (sâdhana), um seinen Geist (mind) von Zorn, Habsucht und Neid zu befreien. Dadurch wurde er selbst zu einem Weisen. Die Kaurava-Brüder, einhundert an der Zahl, waren von Habsucht besessen. Obwohl sie reich waren und über ein riesiges Königreich herrschten, führten sie Krieg gegen die gottesfürchtigen und gottgeführten Pândava-Brüder, die nur zu fünft waren. Am Ende wurden die Kauravas bis zum letzten Mann vernichtet, und die Pândavas errangen den Sieg. Den Brüdern Hiranyaksha und Hiranyakashipu gelang es, als Gnade Gottes die Herrschaft über die Elemente zu gewinnen. Aber sie mißbrauchten ihre Macht und richteten Verwüstung in allen Welten an. Der Mensch muß seine niedrigen Triebe, Lust, Ärger, Haß und Eifersucht überwinden. Nur dann kann er sich des göttlichen Friedens erfreuen, der sein angestammtes Erbe ist.

Jedes Lebewesen ist auf einer Pilgerfahrt, ob es sich dessen bewußt ist oder nicht. Im Bhâgavatam heißt es, daß es die Bestimmung allen Seins sei, zu seinem Ursprung zurückzukehren. Krishna hat in der Gîtâ erklärt, daß alle Wesen von ihm ausgegangen sind und zu ihm zurückkehren müssen. Das Wasser des Meeres, das durch die Wärme der Sonne verdunstet, formt die Wolken. Als Regen fällt es wieder zur Erde und strömt in Bächen und Flüssen seinem Ursprung, dem Meer, entgegen. Es folgt getreu seiner Bestimmung und überwindet auf seinem Weg tapfer alle Hürden und Hindernisse.

Jeder Mensch kommt auf diese Welt als ein Botschafter Gottes. So verkündete auch Jesus seinen Mitmenschen, daß er eine Botschaft Gottes bringe. Viele Jahre lang führte er ein asketisches Leben. Das befähigte ihn, die ganze Menschheit in sein Mitgefühl und seine Liebe einzubeziehen. Später fragte er sich: „Bin ich, da doch das Göttliche ein wesentlicher Bestandteil meines Seins ist, wirklich nur ein Botschafter oder stehe ich Gott näher?" Während er einsam durch die Wüste wanderte, beschäftige sich Jesus zwölf Jahre lang mit dieser Frage. Am Ende dieser Zeit kehrte er in die menschliche Gesellschaft zurück und verkündete: „Ich bin Gottes Sohn."

Zu dieser Zeit waren die Priester des heiligen Tempels in Jerusalem zu korrupten, stolzen, selbstsüchtigen Menschen geworden, die Händlern erlaubten, im Tempel ihre Geschäfte zu machen. Jesus verurteilte dieses üble Treiben und versuchte, ihm ein Ende zu setzen. Er sah in jedem Menschen Gott und konnte keine Handlung dulden, welche dieser göttlichen Natur nicht gerecht wurde. Als die Menschen ihn fragten, wer er denn sei, konnte er antworten: „Ich und mein Vater sind eins."

Jesus versuchte, alle die Vaterschaft Gottes und die Bruderschaft der Menschen zu lehren. Traditionsbewußte und auf den eigenen Vorteil bedachte Menschen hielten ihn für einen falschen Propheten und versuchten mit allen Mitteln, seine Mission zu vereiteln. Aber Jesus gab nicht nach. Trotz aller Widerstände blieb er ein leuchtendes Vorbild lebendiger Wahrheit und fuhr fort in seinem Bemühen, die Gesellschaft zu erneuern. Im Laufe der Zeit bekam Jesus viele Anhänger, aber es zeigte sich - wie auch bei Râma, Krishna und Mohammed - daß Schüler ihren Meistern nur selten vollkommen konsequent nachfolgen. Die meisten sind nur Teilzeit-Devotees. Jesus hatte zwölf Jünger, von denen die meisten an ihn glaubten und seinen Lehren folgten. Aber Judas wurde zum Opfer seiner Habsucht. Er verriet seinen Meister für nur dreißig Silberlinge. Nach diesem Verrat konnte er des Lebens nicht mehr froh werden und keinen Frieden finden. Schließlich sah er im Selbstmord den einzigen Ausweg.

Seit eh und je verraten unredliche, habgierige und selbstsüchtige Menschen ihre Meister, die sie zu verehren vorgeben, und verbreiten Unwahrheiten über sie. Ihr hört von dem Verrat des Judas vor zweitausend Jahren, aber in der heutigen Zeit beherrscht das Geld die Menschen noch mehr, und die Zahl der Judasse hat sich vervielfacht. Die Menschen suchen armselige Reichtümer zu sammeln, doch ein guter Charakter, rechtes Verhalten und das Wissen um Gott sind die drei einzigen Schätze, die zu sammeln sich lohnt. Grundstücke und Gebäude, Silber und Gold, Dollars und andere Währungen sind vergänglich und wertlos. Diese Dinge gehören euch nur, solange ihr lebt. Aber die anderen drei Schätze bleiben euch erhalten, sie helfen und stärken euch, bis ihr eins werdet mit dem Unendlichen.

Der Mensch hat den Weltraum erforscht, er weiß alles über die Erde. Er ist unterrichtet über das, was in Amerika, Rußland und England geschieht. Aber er weiß nicht, wer er ist, und deshalb macht ihn all das andere Wissen nicht weise. Er sammelt begierig alle möglichen Informationen, aber er fragt nie: „Wer bin ich?", obwohl er die Worte „ich" und „mein" ständig im Munde führt. Ihr seid die Bauern, eure Körper sind die Felder. Sät gute Taten, und ihr werdet Glück ernten. Sät das Böse, und eure Ernte wird aus Kummer und Elend bestehen. Ihr selbst verursacht beides. Ihr dürft nicht andere dafür verantwortlich machen oder Gott der Ungerechtigkeit bezichtigen. Verlaßt euch vor allen Dingen nicht auf diese vergängliche, materielle Welt. Sie ist voller Wandel und Leiden. Werdet frei von allen Abhängigkeiten und bemüht euch um Gleichmut, Selbstbeherrschung und Liebe. Erwerbt das Wissen um die höheren Bewußtseinsebenen und die höheren Stufen der Existenz. Das Wissen führt zu Erfahrung, und durch die Erfahrung in der Anwendung des Wissens gewinnt ihr inneres Gleichgewicht. Ihr müßt erkennen, daß dieses Leben nur eine Station auf einer langen Pilgerfahrt ist. Ihr seid jetzt in einem Hotel, in einer vorübergehenden Unterkunft, die auch einen Torhüter hat. Der Geist (mind) ist der Torhüter. Identifiziert euch deshalb nicht mit eurem Geist oder eurem Körper. Der Körper ist der negative Pol, das darin wohnende Göttliche der positive. Wenn ihr allumfassende, unendliche Liebe werdet, wird das Göttliche in euch und durch euch sichtbar werden. Versucht so zu sein, wie Jesus war!

Jesus war ein Mensch, dessen einzige Freude es war, göttliche Liebe zu verbreiten, auszustrahlen, zu empfangen und durch sein Leben zu verwirklichen.

Es gibt verschiedene Theorien über das Datum der Geburt Jesu, die sich auf „den hellen Stern, der bei seiner Geburt erschien", beziehen. Wie man sagt, erscheint dieser Stern alle achthundert Jahre. Manche behaupten, sein Geburtstag sei der fünfzehnte September, aber er wurde vor 1980 Jahren am 28. Dezember morgens um 3.15 geboren. Der Stern, der nur alle achthundert Jahre erscheint, hat nichts mit der Geburt Jesu zu tun. Es gibt kein Gesetz, daß ein Stern erscheinen muß, wenn die göttliche Energie sich auf Erden inkarniert. Das ist nur ein Glaube seiner Anhänger. Jesus selbst ist ein „Stern" von unendlicher Bedeutung, der einen Glanz von unvergleichlicher Herrlichkeit verbreitet. Wozu braucht man noch einen anderen Stern von geringerer Leuchtkraft?

Heute wird der Geburtstag Jesu am 25. Dezember, wenn der Schnee fällt, gefeiert. Er wird mit Lichtern, Weihnachtsbäumen und Gebeten gefeiert. Aber es hat keinen Sinn, nur an diesem einen Tag zu beten und den Rest des Jahres Gott zu vergessen. Wer das tut, spielt nur Theater, und seine Gebete kommen nicht aus dem Herzen. Ihr seid nur wirkliche Christen, wenn ihr seinen Lehren folgt und sie im täglichen Leben anwendet. Es wäre genug, wenn ihr nur zwei seiner Lehren befolgen würdet. Christus sagte zu Johannes: „Alles Leben ist eins, mein Sohn, darum liebe jedermann!"

Wenn ihr diesen Rat befolgen würdet, könntet ihr eure Bestimmung erreichen. Als er im Todeskampf am Kreuz hing, hörte er eine Stimme vom Himmel, die sagte: „Der Tod ist das Kleid des Lebens." Der Körper ist das Kleid, welches das Göttliche sich anlegt. Ihr solltet deshalb nicht weinen, wenn der Körper altert, verfällt oder verletzt wird. Für den Körper ist der Tod etwas ganz Natürliches. Die Menschen suchen nach den Ursachen des Todes, aber niemand sucht nach dem Ursprung des Lebens. Verherrlicht Gott in der kurzen Spanne Zeit, welche das Leben euch zur Verfügung stellt, und tut Gottes Werke.

Gott nimmt menschliche Form an, um die Menschen - nicht nur die Menschen Indiens, sondern die Menschen aller Länder - höheren Idealen zuzuführen. Die Menschen sprechen verschiedene Sprachen und haben verschiedene Lebensgewohnheiten, aber es gibt nur einen Gott, und er ist überall gegenwärtig. Alle Religionen sehen ihn als Liebe und lehren, daß die Liebe das einzige Mittel sei, um ihm nahe zu kommen. Die Formen der Gottesverehrung sind verschieden, denn sie werden von der Zeit und dem Land geprägt, aber ihr wesentlichster Bestandteil ist immer die Liebe. Die Sprache der Liebe wird von allen Herzen gesprochen und verstanden. Es gibt wirklich nur eine Rasse, und das ist die Rasse der Menschen. Das ist die Botschaft, die Jesus gebracht hat. Bewegt sie in eurem Herzen. Ihr haltet heute die geringfügigen Unterschiede von Nationalität, Rasse, Religion und Sprache für bedeutend und haltet dadurch den Strom der Liebe, der von Herz zu Herzen fließen muß, zurück. Seht in Jesus einen Botschafter, der euch von Gott gesandt wurde.

Nur die Liebe kann dem Göttlichen, das in allen schlummert, zum Durchbruch verhelfen. Gott ist Liebe, lebe in Liebe. Liebe lebt vom Geben und Vergeben. Selbstsucht lebt vom Nehmen und Beschuldigen. Liebe ist Selbstlosigkeit, Selbstsucht ist Lieblosigkeit. Vergeudet euer Leben nicht, indem ihr die beschränkten Interessen des Ego verfolgt.

Liebt ! Liebt !

Werdet, was ihr wirklich seid: Verkörperungen der Liebe. Kümmert euch nicht darum, wie andere euch behandeln oder was sie über euch reden. Folgt Jesus nach! Liebt, damit ihr euch selbst weiterentwickelt und nicht, damit andere es sehen und darüber reden.

Amt andere nicht nach, sondern entwickelt euren eigenen Lebensstil. Ihr habt selbst ein Herz und einen Willen, habt auch eure eigenen Gedanken und Ideen.

Warum also andere nachahmen? Es heißt, Nachahmen sei menschlich, Erschaffen göttlich. Folgt dem Weg, den ihr gewählt habt. Eure eigene Erfahrung von Gottes Wirklichkeit ist euer bester Führer. Sterbt nicht als schlechte Kopie eines andern! Ihr werdet Gott nicht in der materiellen Welt finden. Die Liebe in eurem eigenen Herzen ist Gottes Liebe. Folgt dem Meister! Widersteht dem Teufel!

Kämpft bis zum letzten und beendet das Spiel! Ihr seid Gott. Euer wirkliches Selbst ist Gott.

Ihr seid nicht nur eine Person, sondern drei Personen: die, für welche ihr euch selbst haltet, die, für welche andere euch halten, und die, welche ihr wirklich seid. Ihr selbst haltet euch für den Körper und für das, was die Sinne euch vorgaukeln. Andere sehen in euch eine Persönlichkeit. In Wirklichkeit seid ihr unendlicher göttlicher Geist. Ihr solltet euch ununterbrochen daran erinnern: „Ich bin Gott." „Ich bin Gott." „Ich bin Gott." An dem Tag, an dem ihr euch selbst als Gott seht, seid ihr Gott.

Der Gedanke: „Ich bin ja nur ein Mensch" wird euch in die Irre führen. Erlaubt eurem Körper und den Sinnen nicht, euch euer Verhalten zu diktieren.

 

Habt eine Vision!

Der Körper ist der Karren, der Geist ist das Pferd. Spannt den Karren nicht vor das Pferd! Nur durch spirituelle Anstrengungen findet ihr inneren Frieden. Die vielen Autos in Amerika hintereinander aufgereiht, würden bis zum Mond reichen, und doch sind die Menschen dort nicht glücklich, denn sie haben keinen inneren Frieden. Strebt nicht nach Reichtum, Bequemlichkeit und Luxus, sondern pflegt die göttlichen Tugenden. Dann werdet ihr tauglich, die Gnade Gottes zu empfangen. Wer würde unvergänglichen inneren Frieden gegen die Vergänglichkeit materiellen Wohlstandes eintauschen wollen?

Sprecht sanft und spendet Trost mit jedem eurer Blicke.

Seid keine Sklaven sinnlicher Begierden. Prahlâda wies seinen Vater darauf hin, daß er wohl alle drei Welten, nicht aber seine Lust und sein Verlangen erobert habe. Überwindet eure Lust und besiegt den Zorn. Verbannt Habsucht, Haß und Eifersucht aus euren Gedanken. Weiht eure Hände dem Dienst an der Menschheit. Jesus lehrt selbstlose Liebe und ein Mitgefühl, das keine Grenzen kennt. Um diese Liebe und ein solches Mitgefühl empfinden zu können, müßt ihr euer Herz läutern, indem ihr Eifersucht und Egoismus ausmerzt.

 

Verdient euch das Wohlwollen Jesu.

Folgt dem Weg, den er aufgezeigt hat, und werdet ihm gleich.

 

Sri Sathya Sai Baba
Weihnachten, 25.12.1979

Weihnachten, die geweihte Nacht im Christentum

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