Die Bedeutung von Weihnachten

Der Avatar kommt, um die Menschheit zu retten. Aus Liebe und Mitgefühl steigt Gott auf die Ebene des Menschen herab und ruft ihm das Göttliche ins Bewußtsein. Dem Menschen, der außerhalb seiner selbst verzweifelt nach ihm sucht, der sein innerstes Wesen ist, offenbart er sich als das eigene Selbst. Die Gelegenheit, hier zu sein, wird euch geboten, damit ihr das höchste Ziel des Lebens, das Einswerden mit dem Göttlich-Absoluten, erreichen könnt. Es ist eine Belohnung für Verdienste, die ihr in vielen früheren Existenzen erworben habt. Der Vogel braucht zwei Flügel, um zu fliegen. Der Karren braucht zwei Räder, damit er gezogen werden kann. Um das Ziel zu erreichen, muß der Mensch sich informieren, und er braucht Ausdauer. Studium und disziplinierte Anstrengungen sind unerläßlich. Die Gîtâ erklärt, daß von allen Studien das Studium des eigenen Selbst das wichtigste sei. Das Studium zeigt euch den Weg, eure eigene Anstrengung läßt es euch erreichen. Das sind zwei Mittel, die einem Zweck dienen.

In der Jahreszeit des Pflügens und Säens hat der Bauer für nichts anderes Zeit. Er kann es sich nicht leisten, Gewinn und Verlust zu berechnen. Ob Regen oder Sonnenschein, er muß von früh bis spät auf dem Feld arbeiten. So ist auch jetzt für euch Studenten ein Lebensabschnitt, in dem ihr aktiv und aufgeschlossen sein müßt. Das, was ihr jetzt tut, bestimmt eure Zukunft. In dieser Entwicklungsphase bereitet ihr euren Geist darauf vor, allen Herausforderungen zu begegnen, und schärft euren Verstand, um die Rätsel des Lebens lösen zu können.

Ihr seid Studenten und solltet nach Wissen streben. Aber leider ist das Ziel für die meisten nur ein angenehmes Leben. Beide, Lehrer und Schüler, entsprechen nicht mehr dem Ideal. Der Schüler sollte von dem Lehrer, so wie der Schauspieler von dem Regisseur, gelenkt werden. Er sollte Arjuna, der Kämpfer, sein, der von Krishna unterwiesen wird. Er ist das göttliche Selbst, und nur der, welcher das Göttlich-Absolute erkannt hat, kann sein Lehrer sein. Darum wird der Lehrer mit Brahmâ, Vishnu und Îshvara, ja mit dem Absoluten (parabrahman) selbst gleichgestellt. Der einzige wirkliche Guru ist Gott, alle anderen sind bestenfalls Erzieher und Ausbilder. Voller Weisheit und Mitgefühl zeigt dieser Guru den Weg, der zur Erlösung führt, und der Schüler, der sich ihm ganz hingibt, erreicht das Ziel. Nachdem er den Worten des Herrn gelauscht hatte, sagte Arjuna: „Ich werde tun, was du befiehlst." Ihr müßt ebenso gute Schüler sein. Dann könnt ihr friedlich und fröhlich in dieser gewalttätigen Welt des Leidens leben und durch eure Lebensweise die Wirksamkeit der traditionellen Werte eurer Kultur beweisen.

Gott ist ewig, allmächtig, allwissend. Er ist Ursache und Folge. Er ist der Töpfer, der Ton und der Topf. Ohne Gott kann es kein Universum geben. Er wollte es, und das Universum entstand. Es ist sein Spiel, seine Manifestation, seine Macht. Der Mensch ist die Verkörperung seines Willens, seiner Weisheit und Stärke. Aber er ist sich dieser Herrlichkeit nicht bewußt. Eine Wolke der Unwissenheit verhüllt die Wahrheit. Gott schickt Weise, Heilige und Propheten, um die Wahrheit zu enthüllen, und kommt selbst als Avatar, um den Menschen zu erwecken und zu befreien. Vor zweitausend Jahren, zu einer Zeit als Engstirnigkeit, Stolz und Verblendung die Menschheit entweihte, kam Jesus, lebte als Verkörperung der Liebe und des Mitgefühls unter den Menschen und verkündete die höchsten Ideale des Lebens. Ihr müßt auf die Erklärungen achten, die er zu verschiedenen Zeiten in seinem Leben abgegeben hat. Zuerst sagte er: „Ich bin ein Botschafter Gottes." Ja, jeder muß diese Rolle übernehmen und so leben, daß er zu einem Beispiel göttlicher Liebe und Gnade wird. Der Guru muß als Wecker fungieren und den Schüler zu seiner Pflicht sich selbst gegenüber aufwecken.

Die Upanishaden mahnen: „Erhebt euch, wacht auf!" Legt mit Gedanken, Worten und Taten Zeugnis ab für das Göttliche in euch.

Am heutigen Tag wird Weihnachten gefeiert. Erinnert euch an die Worte Jesu, an seinen Rat, an seine Warnungen, und entscheidet euch, ihm in eurem täglichen Leben nachzufolgen. Prägt euch seine Worte ein, bewahrt sie in eurem Herzen und befolgt alle seine Lehren.

Es sind zwei Weltanschauungen, die sich um eure Anerkennung bemühen: die spirituelle und die materielle. Die eine beruht auf der Wirklichkeit, die andere auf den Erscheinungsformen. Stellt euch vor, ihr seht, wenn ihr nach dieser Veranstaltung nach Hause geht, auf der Straße nach Prashânti Nilayam eine Schlange. In Wirklichkeit ist es nur ein Stück von einem Seil, aber in der Dunkelheit haltet ihr es für eine Schlange und seid vor Angst wie gelähmt. Doch euer Schrecken läßt das Seil nicht zur Schlange werden. Im Schein der Taschenlampe erkennt ihr, daß eure Angst grundlos war: Das Seil ist und bleibt ein Seil. Das Universum ist alles das, was zu sein scheint, die Wirklichkeit ist das Göttlich-Absolute (brahman). Wenn das Licht der Weisheit leuchtet, wird die Wahrheit enthüllt. Die Welt ist eine Erscheinungsform des Göttlichen.

Jesus wußte, daß alles Gottes Wille war. So verspürte er selbst im Todeskampf am Kreuz keinen Haß gegen irgend jemanden und ermahnte die, welche bei ihm waren, alle Menschen als Werkzeuge in Gottes Hand zu betrachten. „Alle sind eins. Seht in allen den Einen!" Übt euch darin in eurem täglichen Leben. Natürlich ist es schwer, immer an diese große Wahrheit zu glauben. Schon Arjuna klagte, daß der Geist (mind) zwischen Glauben und Zweifel, Bejahung und Verneinung hin und her springt und dadurch Aufruhr und Verwirrung stiftet.

Aber es gibt einen Weg, ihn zu bändigen. Es gibt Bienen, die Löcher in das härteste Holz bohren können, aber wenn sie von der Dunkelheit überrascht werden, während sie süßen Nektar schlürfen, und die Lotosblume ihre Blütenblätter über ihnen schließt, sind sie gefangen und können nicht entkommen. Sie sind machtlos gegenüber sanfter Gewalt. So kann auch der Geist überall seinen Unfug treiben und willkürlich umherspringen, aber wenn er dem Herrn zu Füßen gelegt wird, wird er harmlos und zahm. Um den Geist vollkommen dem Herrn ausliefern zu können, ist es notwendig, weltliche Wünsche vollkommen aufzugeben.

Oberflächliche Frömmigkeit und halbherzige Entscheidungen führen nicht zum Erfolg. Um eine harte Eiche zu fällen, braucht man eine schwere Axt.

Es ist das Vorrecht der Jugend, sich in dieser Überwindung weltlicher Wünsche zu üben, sich von den Launen des Geistes zu befreien und das angeborene Göttliche sichtbar werden zu lassen. Wenn das Göttliche in Taten zum Ausdruck kommt, erblüht es zu liebevollem Dienst am Nächsten. Es läutert das Herz und befreit es von Habsucht und Stolz.

Zwölf Jahre lang suchte Jesus in der Einsamkeit nach der Wahrheit, unterwarf sich spirituellen Übungen und meditierte über Gott. Natürlich müßt ihr den Körper beschützen und erhalten, denn er ist eine Gabe Gottes, ein Boot, mit dem ihr das Meer des ständigen Wechsels überqueren und das Ufer des Göttlichen erreichen könnt. Ihr müßt ans Ziel des Lebens gelangen, bevor das Boot durch Faulheit, Krankheit und Alter undicht wird und sich auflöst. Physischer, geistiger und spiritueller Gesundheit muß größte Beachtung geschenkt werden. Aber zur Verteidigung der göttlichen Ordnung (dharma) und der Wahrhaftigkeit muß man jederzeit bereit sein, den Körper aufzugeben. Dafür kann euch Jesus als Vorbild dienen. Er ermahnte alle, sich an die ewig gültigen Lehren der alten Schriften zu halten und dadurch inneren Frieden und ausgeglichene Freude zu erfahren.

Die Juden hielten die von den Propheten in den Schriften festgelegten Riten und Vorschriften für ewig gültig und glaubten deshalb, die Lehren Jesu seien falsch. Sie empfanden keinen persönlichen Haß gegen Jesus. Dieses Problem gibt es zu allen Zeiten: den Konflikt zwischen dem Buchstaben und der lebendigen Wahrheit, zwischen dem Dogma, das als unantastbar angesehen wird, den Vorschriften und Verboten, die peinlich genau befolgt werden müssen, und der allem zugrunde liegenden Wahrheit. Auch in dem vedischen Glauben besteht dieser Konflikt zwischen denen, welche nur die alten Traditionen aufrecht erhalten wollen, und denen, welche mehr Wert auf die tiefere Bedeutung legen.

Diese Verwirrungen und Konflikte, welche den moralischen, ethischen, materiellen, technischen und spirituellen Fortschritt hemmen, können am besten überwunden werden, wenn der Mensch so lebt, wie es ihm bestimmt ist, und dadurch das Göttliche, welches sein ureigenstes Wesen ist, verwirklicht. Das ist die einzige ewig-allgemeingültige Lehre. Die Gedanken, welche der Verstand entwickelt, müssen sich im Mentalen als Empfindungen und Gefühle niederschlagen und von den Händen in die Tat umgesetzt werden. Gedanken, Worte und Taten müssen übereinstimmen. Sie müssen sich gegenseitig ergänzen. „Ein Gedanke, ein Wort, eine Tat" ist das Merkmal eines Heiligen.

Weihnachten im eigentlichen Sinne ist die nächtliche Messe, die zur Erinnerung an den Geburtstag Christi zelebriert wird. Es ist seinem Ursprung nach eine heilige, religiöse Sitte. Es ist falsch, sich an Jesus zu erinnern, indem man Weihnachten als ein Fest mit Trinken und Tanzen begeht. Dieser Tag muß im Gebet verbracht werden. Aber nicht nur dieser Tag! Macht die spirituelle Übung (sâdhana) des Gebets zu eurer täglichen Gewohnheit. Gebete mit der Bitte um die Erfüllung weltlicher Wünsche erreichen Gott nicht. Sie erreichen nur jene überirdischen Wesenheiten, die für derartige Anliegen zuständig sind. Aber alle Gebete, die reiner Liebe entspringen, von selbstloser Bereitschaft zum Dienen getragen werden und aus einem Herzen kommen, das alles und alle einschließt - diese Gebete erreichen Gott, denn er ist die Liebe selbst. Ihr könnt den Mond nur an seinem Licht erkennen. So kann Gott, der Liebe ist, auch nur durch Liebe erkannt werden. Gott ist Liebe, lebt in der Liebe! Das ist die Botschaft, die ich bringe.

Sri Sathya Sai Baba
Prashânti Nilayam, 24.12.1980

Weihnachten - die geweihte Nacht im Christentum

Der Avatar unserer Zeit